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MAZ 15./16. Januar 2005

 

 

 

 

350 Gefangene erlebten Haft "wie ein KZ"

 

 

 

 

 

1942 gab es in Rhinow ein Arbeitserziehungslager / Erschütternde Berichte von Überlebenden

 

 

 

 

 

Von Dieter Seeger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild links: Hier befand sich 1942 die alte Rhinower Bastfabrik, wo Häftlinge des Arbeitserziehungslagers für einen Hungerlohn beschäftigt wurden. (Foto: MAZ)

 

 

 

 

 

Vor sechs Jahren wurden im Zuge der Erschließung des Rathenower Gewerbegebietes Heidefeld Reste eines KZ - Außenlager gefunden. Das öffentliche Interesse führte zu einer weitgehenden Erforschung des etwa ein Jahr bestehenden Lagers mit dem Außenkommando des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Grabungen und Sicherungen fanden statt. Die PDS initiierte eine Erinnerungstafel, die im Jahr 2000 feierlich aufgestellt wurde.

Mit dem Bundestagsbeschluss zur Schaffung eines finanziellen Fonds, aus dem die nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportierten "Fremdarbeiter" entschädigt werden sollten, wurde die Vielzahl an Zwangsarbeiterlagern in Rathenow während des zweiten Weltkriegs bekannt. Horst Schwenzer, damals Beauftragter der Rathenower Stadtverwaltung, kommt das Verdienst zu, Schicksale der Verschleppten öffentlich bekannt gemacht zu haben.

Im Herbst 2004 lenkt eine Publikation der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit der Berliner Landeszentrale für politische Bildungsarbeit die Aufmerksamkeit auf ein fast oder gänzlich vergessenes Objekt: Das von der Gestapo geführte "Arbeitserziehungslager" (AEL) in Rhinow.

Die Bastfaser GmbH

Das Straflager wurde in der zweiten (von drei) Expansionswellen der AEL - Einrichtungen im Frühjahr 1942 eröffnet - parallel zum so genannten "Russeneinsatz" nach dem Ostarbeiter - Erlass vom 18.Juli 1942. Es war ein Frauenlager, und es war der Vorläufer des AEL Fehrbellin, in das die Frauen 1942 verlegt wurden.

In Rhinow hatte die Bastfaser GmbH Wuppertal 1937 ein Hanfwerk gegründet. Es gewann im Zeichen der NS - Autarkiepolitik Bedeutung.

Nun sollten statt der importierten Rohstoffe heimische Bastfasern zu Zelt - und Lkw - Planen, Fallschirmgurten und anderen strapazierfähigen Grobtextilien verarbeitet werden.

In Rhinow und Fehrbellin (beide im damaligen Kreis Westhavelland gelegen) wurden die Bastfasern in der Verarbeitungsstufe gewonnen und aufbereitet. Kotonierter Hanf deckte schließlich 20 Prozent des Bedarfs als Baumwollersatz.

Außer polnischen Kriegsgefangenen wurden auch niederländische und Sowjetische Zwangsarbeiter eingesetzt, wie aus den Lohnlisten hervorgeht.

Das AEL Rhinow hatte eine Kapazität von 350 weiblichen Häftlingen. Nach deren Verlegung zum Bastfaserwerk Fehrbellin arbeiteten in Rhinow Frauen des "Zuchthauskommando Rhinow/Mark bei der Bastfaser GmbH" aus dem Frauenzuchthaus Cottbus und dem Frauenjugendgefängnis Berlin - Lichtenberg bis zum Kriegsende.

Klage über Hausfrauen

Kommandoführerin war Hauptwachmeisterin Geithe. Die Kommandoführerin und der Betriebsleiter der Firma klagten über die als Hilfsarbeiterinnen eingesetzten Hausfrauen aus der Kleinstadt, "die kein Verständnis für die Erfordernisse des Strafvollzugs und mit den Gefangenen Mitleid" hätten (Lagerbericht Geithe, 30.11.1944). Die Frauen aus dem Strafvollzug waren von Gerichten verurteilt, wie zum Beispiel die Potsdamer Gärtnereibesitzerin Emma G., die eine bei ihr beschäftigte "Ostarbeiterin" bei ihrer Flucht unterstützt hatte und nach Haft in Cottbus im Februar 1945 "zur weiteren Strafverbüßung in das Zuchthauslager Rhinow überführt" wurde. Wie aber erging es den Häftlingen des AEL?

Lager als "KZ der Gestapo"

Vom Straflager Rhinow gibt es keine schriftlichen Unterlagen und keine Erinnerungsberichte ehemaliger Insassen. Da es nur wenige Monate an diesem Ort existierte, sind die Fehrbelliner Verhältnisse anzunehmen. AEL wurden als "KZ der Gestapo" betrachtet. Anders als die KZ waren die AEL nicht für die Verfolgung politischer Gegner oder die Vernichtung "rassisch Minderwertiger" gedacht, sondern dienten der Disziplinierung der deutschen, vor allem aber ausländischer Arbeiter. In ihnen sollten, so der zentrale Erlass Himmlers (28.5.1941) "Arbeitsverweigerer sowie Arbeitsvertragsparteien und arbeitsunlustige Elemente" eingesperrt werden. Darunter fielen Widersetzlichkeiten im Betrieb, Krankfeiern, häufiges Zuspätkommen oder langsames Arbeiten. Die Betreiber zeigten ihre geflüchteten oder missliebigen Arbeitskräfte bei der örtlichen Polizei an, die dann die Stapo (Staatspolizei-Leitstelle) einschaltete. Die Überstellung an die Gestapo (Geheime Staatspolizei) und die Einweisung in ein AEL bedurfte keines Gerichtsverfahrens, sie erfolgte willkürlich. Die Haftdauer in diesem "Kurzzeit KZ" war zunächst 21, dann 56 Tage und schließlich drei Monate bis zur Rückführung. Allerdings wurden die Zeiten auch überschritten (gemäß dem Wunsch der Bastfaser GmbH), und auch politische Häftlinge wurden in AEL eingesperrt und nach ihrer AEL - Haft direkt in ein KZ eingewiesen.

Charlotte Holzer steht dafür als Beispiel. 1909 geboren, trat sie der kommunistischen Betriebszelle im Jüdischen Krankenhaus Berlin bei. Ihr Mann wurde 1933 verhaftet. 1940 kam Herbert Baum als Patient in ihr Krankenhaus. Sie kannte ihn bereits aus der Deutsch - Jüdischen Jugendgemeinschaft. Sie schloss sich der kommunistisch - jüdischen Widerstandsgruppe an. Im Mai 1942 steckten die Genossen die antisemitische und antisowjetische NS - Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies" im Berliner Lustgarten in Brand. Charlotte H. wurde im Oktober verhaftet und der Vorbereitung zum Hochverrat bezichtigt. Während der Vorbereitung des Verfahrens war sie auch im AEL Fehrbellin. Wegen Krankheit wurde sie 1943 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde aber nicht vollstreckt. (Man wollte sie wohl als Zeugin in so genannten "Anhängerprozessen" missbrauchen). 1944 floh sie während eines Bombenangriffs aus dem Krankenhaus und tauchte unter. Über das AEL - Fehrbellin berichtete sie: "Der Tag fing morgens um vier an mit Appellstehen, und es war im Tagesablauf eigentlich alles genau wie im KZ. Der Unterschied zwischen Arbeitslager und KZ war nur der, dass man hier durch Arbeit kaputt gehen konnte und im KZ vergast wurde. Es war hier kein Vernichtungslager. Bewacht wurden wir von Beamtinnen mit Hunden ... Essen gab es sowieso nur zweimal. Früh um vier bekamen wir ein Stück Brot und Kaffee, abends bekamen wir einen warmen Essenschlag." Die überlebenden Frauen berichten, dass sie wegen des ständigen Hungers heimlich die Samen des Hanfs aßen. Das war streng verboten; wer erwischt wurde streng verprügelt. Manchmal steckten ihnen die Arbeiter Essbares zu: ein Stück Brot, einen Apfel, eine Kartoffel ... Das Lager war durch ein Metallgitter mit Stacheldraht eingezäunt. Auf den Wachtürmen standen grün Uniformierte.

Die Aufseherinnen und Aufseher waren schwarz uniformiert mit Hakenkreuzbinden, wahrscheinlich SS - Strafvollzugsbeamte. Die dienstverpflichten Fehrbellinerinnen trugen schwarze Umhänge. Die Gestapo stellte die Leitung. Die Häftlinge hungerten, waren nur notdürftig bekleidet - manche hatten nicht einmal Holzschule, mussten also barfuß laufen und wurden ständig bedroht und mit Peitschen, Rohrstöcken und Knüppeln geschlagen.

Helene Freudenberg berichtete über Quälereien von "Oberschieber" Lene, Vorarbeiterin und Aufseherin, die zwei Französinnen zu Invaliden schlug. Eine rothaarige Aufseherin, "Fuchs" genannt, erschlug die 18 Jährige Russin Natascha und eine kleine zarte Französin.

Die Ausbeutung der Häftlinge war Sklavenarbeit, und die stand als brutales Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zentrum der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

Feilschen um höhere Profite

Rhinow war also der Vorläufer von Fehrbellin. Man muss wohl davon ausgehen, dass hier die gleichen Zustände herrschten. Aber nichts erinnerte bisher an dieses Kapitel faschistischer Unterdrückung, Drangsalierung und Ausbeutung - Hand in Hand mit den Unternehmen. Die Bastfaser GmbH (und nicht nur sie) machte mit Hilfe des Repressionsapparates der Nazis ihren Schnitt, den Extraprofit. Im deutschen Machtbereich existierten bis Kriegsende rund 200 AEL mit etwa 40.000 Haftplätzen.

Die Bastfaser GmbH (350 Häftlinge) zahlte einen Beitrag von 0,45 Reichsmark pro Stunde und Häftling inklusive Versicherungszuschlag an die Gestapo. Tatsächlich jedoch zahlte der Betrieb eine Pauschale von 40.000 Reichsmark, das sind im Schnitt nur etwa 3,25 Reichsmark am Tag pro Häftling (also weniger als der vereinbarte Satz von 0,45 Reichsmark, der festgeschriebene Mindestlohn für weibliche, ungelernte Tätigkeit). Bei 12 Arbeitsstunden täglich wäre es ein Tagessatz von 5,40 Reichsmark gewesen.

Aber das war dem Unternehmen immer noch zu viel. Verwaltungschef Busch und Lagerführer Neuesser verhandelten und wollten die Gestapo dazu bringen 0,25 Reichsmark / Stunde oder 2,50 Reichsmark / Tag inklusive aller Versicherungsgebühren zu akzeptieren. Selbst diese Regelung sei nur tragbar, "wenn Sie Maßnahmen treffen würden, wenn irgend möglich die Kräfte weniger häufig zu wechseln. An anderen Stellen, an denen mit Häftlingen ein guter Arbeitseffekt erreicht wird, erfolgt der Wechsel im allgemeinen erst nach etwa 6 Monaten oder längerer Zeit." (Schreiben Bastfaser an Gestapo, 3.2.1944). Aber die Stapo - Leitstelle verlangte weiter 40.000 Reichsmark im Monat.

Antworten auf offene Fragen

Wie hoch war der Profit der Bastfaser GmbH Fehrbellin und Rhinow von 1942 bis 1945? Wurde die Betriebs-"Führung" für die Sklavenausbeutung zur Verantwortung gezogen? Die Aufseherinnen und Aufseher wurden von der Sowjetischen Militärpolizei verhaftet. Anna S., ehemalige Hanfarbeiterin in Fehrbellin, sagte: "Die Aufseherinnen von einst seien alle nach ein paar Jahren Gefangenschaft zurückgekehrt - bis auf eine, das war die Gehässigste".

Wer kann, wer will sich in Rhinow noch an die Monate im Frühjahr 1942 erinnern, als 350 Häftlinge des AEL in des Bastfaser schufteten? Wo war das Lager? Wo wohnten die Aufseherinnen? Wer hatte Mitleid, wer half? Erinnerung wäre heut nötig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung, Regionalteil "Westhavelländer", Seite 18, Sonnabend/Sonntag 15./16. Januar 2005

 

 

 

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